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Kaum ein Land ist wohl so klischeebehaftet wie Großbritannien. Bilder von roten Doppeldeckerbussen, Londoner Gentlemen, die mit Bowlerhut und Regenschirm durch die nebelverhangene Hauptstadt eilen, oder violett gelockte Ladys, die zum klassischen Afternoon-Tea beim Knabbern von Ingwerkeksen mit spitzen Lippen schockiert über die neuesten Skandale der Königsfamilie diskutieren, schießen manch einem unwillkürlich durch den Kopf. Für den Londoner Schriftsteller Bruce Collins sind solche Bilder allerdings nicht mehr als überholte Impressionen, die vor allem durch Kinofilme und britische Schriftsteller wie Sir Arthur Conan Doyle oder P. G. Wodehouse in den letzten Jahrzehnten regelrecht zementiert wurden.

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Dass sich diese Klischees bis heute so hartnäckig halten, bleibt für ihn dabei allerdings ein Rätsel. Schließlich sei der Nebel aus Londons Straßen bereits genauso verschwunden wie der legendäre Doppeldeckerbus, und auch vom typisch britischen Leben könne seiner Ansicht nach in London kaum noch die Rede sein. Ganze 300 Sprachen, die fröhlich zwischen Speaker’s Corner, Tower Bridge, Buckingham Palace und den Märkten von Covent Garden um die Wette plaudern, aber auch moderne Kunsttempel wie das Tate Modern, das schrille Viertel Soho oder das futuristische Riesenrad London Eye sind für ihn da weitaus zeitgemäßere Charaktere der Hauptstadt.

„Mit Großbritannien haben diese jedoch natürlich genauso wenig gemein wie die veralteten Klischees”, erklärt Bruce Collins, „immerhin besteht das Vereinigte Königreich aus drei Ländern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Wales, Schottland und England. Dabei gibt es jedoch eines, das uns alle tief im Herzen unter der britischen Krone vereint: unsere Liebe für die britischen Traditionen. Er erzählt: „Unsere Leidenschaft für den Sport zum Beispiel oder die klassische Teatime. Die Architektur, die Natur und auch die Sprache sind dagegen in jedem Land der Insel, ja sogar jeder Region anders und haben auch die Menschen entsprechend geprägt.” Auf eine offizielle Amtssprache wurde so in Großbritannien auch bewusst verzichtet. Obwohl rund 95 Prozent der Briten Englisch sprechen, bestehen auch parallele Landessprachen wie Kornisch, Walisisch und Gälisch, oder aber Dialekte wie der lange verpönte, schnodderige Cockney-Slang, der erst gesellschaftsfähig wurde, als Schauspieler Michael Caine ihn auf die Leinwand brachte.

Aufgewachsen sei er selbst in Cornwall, erzählt Bruce. Genauer: in Fowey, einem der beliebtesten Ferienorte der Londoner High Society, die hier am Wochenende mit schneeweißen Yachten und Segelboten vor Anker gehen, um in der vornehmen Küstenstadt eines der exzellenten Fischrestaurants zu besuchen oder im malerischen Gassenwirrwarr das hektische Treiben Londons zu vergessen. Dass die britische Romanautorin Daphne du Maurier hier lange zur unmittelbaren Nachbarschaft zählte und im Anwesen Menabilly berühmte Romane wie Rebecca schrieb, erfüllt den jungen Engländer immer noch mit Stolz. Doch die bekannte Romanautorin war keineswegs der einzige Schöngeist Cornwalls: Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts strömten zahlreiche Künstler in den Südwesten Englands und suchten abseits der stillgelegten Zinnminen an den mediterranen Küstenlinien ein neues Domizil. Als kreative Hochburg kristallisierte sich dabei St. lves heraus, wo berühmte Maler wie Ben Nicholson oder die Bildhauerin Barbara Hepworth Ende der 1920er-Jahre eine Künstlerkolonie gründeten und betört vom südländischen Flair die Bewohner Cornwalls und die verwinkelten Straßen der verträumten Fischerdörfer für die Ewigkeit festhielten. Ein romantischer Charme, der auch heute noch die Gäste anlockt. Zum Beispiel in der alten Hafenstadt Falmouth, die mit jungem Universitätsflair und ihren georgianischen Straßenzügen lockt, dem von Palmen gesäumten Pendance, das aufgrund seiner exponierten Küstenlage lange als bedeutendste Stadt Cornwalls galt, oder aber am westlichsten Fleck Englands - Land’s End, das sich direkt neben den windumtosten Klippenlandschaften vor allem für Wanderer zum Lieblingsziel entwickelte.

Für Bruce Collins hingegen ist ein Leben in Cornwall nicht mehr vorstellbar. „Wer als Schriftsteller Erfolg haben will, der muss einfach nach London“, findet er. „Denn hier pulsiert das Leben, und hier versammeln sich auch alle renommierten Buchverlage Großbritanniens. Was übermorgen in der Literaturszene angesagt ist, das weiß man in London meist schon vorgestern. „Die Literaten, die sich im Laufe der Zeit in der englischen Metropole niederließen, schienen das genauso zu sehen. William Shakespeare, H. G Wells, Charles Dickens, T. S. Elliot und Daniel Dafoe sind nur einige der berühmten Namen, die sich vor allem im lntellektuellenviertel Bloomsbury vom rasanten Leben in der  britischen Hauptstadt inspirieren ließen.

Nicht alles, was seitdem die Regale der Buchhändler füllte, war allerdings ruhmreich für die Hauptstadt. So rechnete Charles Dickens zum Beispiel geradezu schonungslos mit seiner Heimat ab und ließ Helden wie Oliver Twist oder Klein Dorrit zwischen dem düsteren Schuldengefängnis Marshalsea und zwielichtigen Londoner Gestalten durchs Leben straucheln. Von royaler Güte, den glamourösen Pferderennen von Ascott oder einem vornehmen Treiben in Mayfair konnte da keine Rede sein.

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Als einer der bekanntesten Autoren ging aber wohl Sir Arthur Conan Doyle in die Geschichte ein, der mit seinem Meisterdetektiv Sherlock Holmes die Herzen der Briten geradezu im Sturm eroberte. Wie sehr man den Schriftsteller in London schätzt, beweist auch das Holmes-Museum in der Baker Street 221b, mit dem man den fiktiven Wohnsitz des scharfsinnigen Schnüfflers direkt zwischen der Baker Street 237 und 239 unkonventionell Realität werden ließ. Dass Doyle seinen Helden ausgerechnet im fernen London ansiedelte, sorgt bei den Schotten hingegen sogar noch bis heute für Verwunderung. Denn immerhin wurde der Autor geradewegs in die Wiege der britischen Literatur hineingeboren - die schottische Hauptstadt Edinburgh. In kaum einer anderen Metropole wird der schreibenden Zunft so gehuldigt wie hier.

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Sei es mit dem alljährlichen Edinburgh Book Festival, das auch international bekannte Autoren anzieht, oder aber den unzähligen kleinen Buchläden, die fast an jeder Ecke Edinburghs das Schaffen der britischen Literaten fleißig in Erinnerung halten. „Jeder ehrliche Schotte hält diesen Punkt für den schönsten in der Welt”, schwärmte da selbst Theodor Fontane, der sich jedoch nicht nur vom kulturellem Flair begeistert zeigte, sondern auch vom Wahrzeichen Edinburghs: Edinburgh Castle; Majestätisch thront das graue Kastell hoch über der Stadt und offenbart hinter seinen Mauern ein atemberaubendes Stück britischer Geschichte: die schottischen Kronjuwelen, den Königspalast von Maria Stuart und die Great Hall - bis 1639 das schottische Parlament. Direkt vor dem Kastell pulsiert die Hauptschlagader Edinburghs, die Royal Mile. Vom Castle Hill bis hinunter zum Palace of Holyroodhouse - dem offiziellen Wohnsitz der Königin - wechseln sich bunte Pubs mit kleinen Geschäften ab, die von Golfschlägern, Whisky oder Shortbread (Mürbeteiggebäck) so ziemlich alles an britischen Spezialitäten im Sortiment haben, was die Insel zu bieten hat.

Doch kaum senkt sich der Abend über die Metropole, präsentiert Edinburgh auch noch ein zweites Gesicht, und wer dieses einmal gesehen hat, wird wohl erst wirklich verstehen, warum diese Stadt so viele Schriftsteller in ihrem Schoß gebar: Die bei Tage so freundlichen Häuser rücken enger zusammen. Die Durchlässe zu den pittoresken Hinterhöfen der Stadt werden schmaler, und dunkle Schatten huschen durch die Gassen. Der Glaube an Hexen und Geister ist auf einmal allgegenwärtig. Die mystische Eigenart Edinburghs macht man sich inzwischen auch ganz plastisch zunutze und bringt Besuchern mit knochenklappernden Schauertouren allabendlich den Glauben an die britischen Gruselgeschichten leidenschaftlich gerne nah. Eine wohlige Gänsehaut, die jedoch auch ohne jegliche Show in den nördlichen Highlands anhalten dürfte. Nur eine halbe Stunde von Edinburgh entfernt, öffnet sich Besuchern diese geradezu archaische Welt, die jeden Glauben an die Dinge zwischen Himmel und Erde mit einem Male völlig normal erscheinen lässt.

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Kilometerlange, einsame Berglandschaften, verlassene Straßen, bodenlos wirkende Lochs, gespenstische, spiegelglatte Seen und feuerrote Wolkenformationen, die sich manchmal fauchend wie ein Drache in der Natur entleeren - diese Naturschauspiele erwecken wundersame Geheimnisse. Wer bezweifelt da noch die Existenz des Seeungeheuers von Loch Ness bei Inverness oder die des kopflosen Bitters in der Abgeschiedenheit der Hochlandtäler, der allnächtlich auf der Suche nach seinem fehlenden Körperteil ist? Und wen wundert es, dass diese Insel ein Hort für Schriftsteller geworden ist?

Dieser Artikel ist eine Empfehlung von Heitmann - A Gentleman´s Delight.

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Eingetragen am: Mittwoch, November 26th, 2008
In folgender Kategorie eingetragen: Allgemein
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